Plattdeutsch AG
Arbeitsgruppe Plattdeutsch im Heimatverein Gemen
 
Im Heimatverein Gemen hat sich im Frühjahr 2008 eine Arbeitsgruppe „Plattdeutsch“ gebildet. Entsprechend dem Selbstverständnis der Heimatvereine ist Anliegen der Gruppe, die plattdeutsche Sprache zu pflegen, sowohl um sich daran zu erfreuen als auch den Erhalt der Sprache zu fördern. Uns ist es wichtig, den Sprachschatz zu bewahren und wach zu halten durch Vorträge, Lesungen, plattdeutsche Unterhaltungsabende, themenbezogene Diskussionen in Platt, Förderung der plattdeutschen Lesewettbewerbe in Schulen.
 
Das Plattdeutsche und die Inhalte, die in dieser Sprache vermittelt wurden und werden, sind ein wichtiges kulturelles Erbe, das es zu bewahren gilt. Vieles lässt sich im Plattdeutschen einfacher und treffender, manchmal auch derb, aber nicht verletzend, ausdrücken.
 
 
Interessenten, die mitmachen oder Anregungen geben wollen, sind herzlich willkommen.
 
Anregungen zu diesem oder anderen plattdeutschen Themen an:
Günter Hying
Gemen, Hagenstiege
Telf. 02861 4141


Beim plattdeutschen Gesprächsabend am 17. Februar 2011 wurden Treffen zu einem  "plattdeutschen Stammtisch" im Haus Grave vereinbart. Termine werden auf dieser Internetseite unter "news" und auch in der Tageszeitung bekannt gegeben. Die bisherigen Treffen waren informativ und unterhaltsam.
Einzelheiten siehe unter "news", Fotos unter "Galerie".
Der nächste Stammtischtermin ist am 29.02.2012, ebenfalls 19.30 Uhr im Haus Grave.


 Textproben:


Gedanken öwwer Gämen!

van Dr. Josef Schlüter

 
Nätt plesierig, maons daortüsken
Ook lück egen, graoff un fien,
Platt un dütsch, in`t „Kruse Büsken"
Mäöggt se sick so gerne lien.
Kärmis fiern no Art un schick:
Gämske Lö, `n Volk för sick.

Steht ook noch ne Koh te närken '
Hier un dor, ick segg' apatt:
Achterwäärs bün wie nich:
Veer Kärken, Kloster, Bahnen, Scholen satt,
Sprützenhüsken, Schloß, Fabrik, -
Is dat ich ne Stadt för sick?

Find's in't „Gängsken" bloß bi Beerte
Moie Pläßkes? Büs wall geck:
Storksnüst, Sternbuss, Gämen-Weerte,
Krückling bäs an't  „Schwaotte Heck",
Van de Ao no de Barge stick:
„Graofschopp Gämen", `n Land för sick.

Küms no Köln, no Rom, of Brämen
Tamm` un Wilde, Witt un Schwott,
Düselig prot se sick van Gämen,
Loopt uns boll de Paorten kott. –
Dusend Jaohr dör dünn un dick:
Gämen, - rats ne Wält för sick!

Josef Schlüter, geboren am 16.02.1914 – gestorben am 12.12.1995 stammt vom Bauernhof Schlüter in Gemenkrückling, Olden Goren 19. Im Jahre 1951 schrieb er seine Doktorarbeit über das Thema „ Die niederländischen Wörter in der westmünsterländischen Mundart“. Er war Studiendirektor in Waldniel  / Rheinland.


 

1) Gedicht: "Lao die nich underkriegen!"
 
Kümp die´t es maongs int Läwen quaod,
holl still, un laot dat Stäönnen
in düsse Wält bliw alls bi Maot,
drüm muß du´t mestern käönnen.
 
Probiär´t naoch enns, un gaoh ant Wark!
De Tande biet upeene!
Well gawe anpöck, ist ook stark,
wäörd fiärdig gans alleene.
 
Pack an, un günn ook andern wat!
du kas jao alls nicht schluken;
dat Hatte week, de Hande hatt!
So bruks di nich te duken.
 
von Ludwig Walters

 
2) Beispiele für Sprichwörter und Redensarten aus dem Braemgau
Gesammelt von Josef Schulze Selting, Ramsdorf
 
- Man kann ussen Herrgott vul afbidden, mer nich twingen.

- Usse Herrgott stüwt de Böhme, ehr dat sei in´n Hemmel waßt.

- De Düwel schitt immer up´n groten Hoob.

 - Frijen und Heuen passeert fake umsüß.

- Wenn de Katte muset, dann mauet se nich.

- Do kreit kin Hahn no.

- Un well up de Welt et längste läwt, arwet un krigg alls.


3) Bernhard Stewering hat zu der alten Pumpe in der Freiheit, die heute am Haus Grave steht, einen Text in Plattdeutsch verfasst, ein Beispiel für Gemener Platt:

Pumpe ant Heimathus
 
De olle Pumpe van ne Noberschop Friete,
stun lange Tied bie Heinz Osing to Miete.
Se is dör Frau Osing non Heimatverein gohn,
hef Generationen öwerstohn
und de Noberschop full Guts andohn
in all de Johrn.
 
De Pumpe was no old und stief
und hat n rappelig holtern Lief.
Dag un Nacht stun se parat,
off kolt, off warm dat Währ,
denn letzten Dropen was er nie te schad,
se goff em gerne her.
 
De olle Tied is no vörbie,
alle hebse sölwer er Water.
Seit nängtenhundert-näggennängzig is er Holtkled nij,
et is n Vörzeigestück för later.
 
No heff de Noberschop Friete de Pumpe währ,
se steht ant Heimathus „Grave“ vör de Dör,
heff de Renovierung got öwerstohn
un süht no genau so got ut as vör Johrn.
 
Bernhard Stewering

4) Günter Hying  hat auf Anfrage mehrere Gedichte ins Gemener Platt transferiert. Beispiele siehe unten



Weiteres zum Thema Plattdeutsch finden Sie im Internet auch unter:

 http://www.plattdeutsch.net
 http://www.plattduetsch-in-de-kark.de
 http://www.plattschapp.de

Das vom Heimatverein Vreden herausgegebene Mundartwörterbuch finden Sie
über die Liste "Links" unserer Internetseite und als Buch im Archiv des Heimatvereins Gemen
 

 Wissenschaftliche Einschätzung zur Situation des Plattdeutschen
 
Prof. Ludger Kremer, Heiden/Roetgen, hat in seiner Veröffentlichung „Dialektschwund im Westmünsterland“, herausgegeben im Jahre 2007 (im Archivbestand des Heimatvereins vorhanden) anschaulich den Rückgang des plattdeutschen Sprachgebrauchs dargestellt. Zusammengefasst führt Kremer u.a. aus:
 
Bis zum 2. Weltkrieg sind die Nicht-Plattsprecher meist Zugewanderte und  nur zum geringen Teil Einheimische der jungen Generation, die die Mundart nicht mehr erlernt haben.
Je nach Grad der Förmlichkeit und Öffentlichkeit nimmt der Gebrauch der Hochsprache zu.
 
Vor 1900 spricht man im ländlichen Münsterland allenthalben Plattdeutsch mit Ausnahme der (kleinen) adeligen Oberschicht u. einiger großbäuerlicher Familien, die dem Vorbild von Adel und Stadtbewohnern folgen.
 
In Borken wurden bis in die 1880er Jahre hinein die amtlichen und sonstigen Bekanntmachungen in niederdeutscher Sprache ausgerufen.
 
Auch wenn sich das Westmünsterland konservativer als das Kernmünsterland verhält, so sprechen ab Ende des 19. Jahrh. mehr und mehr Eltern mit ihren Kindern nur noch Hochdeutsch. Diese Tendenz geht von gesellschaftlich führenden Schichten aus und erfasst zunächst auch die dörflichen Eliten (Landärzte, Apotheker, Großbauern, Lehrer usw.) u. erreicht so allmählich die gesamte Bevölkerung.
 
Ausschlaggebend ist vor allem das nachlassende Prestige des Niederdeutschen. Vor allem die Großbauern haben eine entscheidende Rolle bei der Stigmatisierung des Niederdeutschen gespielt. Sie hielten sich häufig für Gutsbesitzer –wurden ab 100 ha Landbesitz auch offiziell so bezeichnet- und fühlten sich in den Gründerjahren gleichberechtigt mit den städtischen Unternehmern, denen sie in vielerlei Hinsicht nacheiferten, z.B. als äußere Standeskennzeichnung zweistöckige Villen.
 
Sprachliche Domänen
Plattsprechen ist deutlich mit Kennzeichen wie Vertrautheit, Bekanntheit, Bodenständigkeit, gleiche Herkunft usw. versehen, es hat gemeinschaftsstiftende Wirkung.
Vertrauensbildende Funktion: Krankenschwester spricht mit Patienten platt.
 
Ob man miteinander platt spricht, hängt davon ab,  ob man weiß, dass der Andere auch platt spricht.
 
Der Dialektschwund
Untersucht wurde die Situation bei Grundschulkindern, 4. Schuljahr
Sprachen 1981 noch 37,8 % der Eltern untereinander platt, waren es 2001 noch 15 %
Vater mit Kind: 1981 = 7,6 %, 2001 = 2,4 %,                
Mutter mit Kind: 1981 = 4,4 %, 2001 = 1,6 %               
Für alle Zahlen gilt: jeweils nur platt o überwiegend platt
 
Das heißt im Ergebnis, dass das Plattdeutsche im 21. Jahrh. kaum noch Chancen hat, es sei denn, Kinder lernen später noch platt, z.B. am Arbeitsplatz – das ist jedoch wenig wahrscheinlich.
 
Regional gefärbte Umgangssprache:
An die Stelle des Plattdeutschen ist bei der Mehrzahl der Bevölkerung eine hochdeutsche Umgangssprache getreten mit aus dem Plattdeutschen stammenden Wörtern u. Wendungen sowie artiklatorischen und grammatischen Dialektkennzeichnungen.
 
Beispiele: Dat, watt , fiese Möpp,
 
Vollständig wird das Niederdeutsche allerdings nicht untergehen, denn in den Ortsnamen, Flurnamen und vor allem in den Familiennamen, die zum größten Teil aus der mittelniederdeutschen Zeit stammen, also aus einer Zeit, als das sprachliche Umfeld noch rein niederdeutsch geprägt war, wird es erhalten bleiben. Sicherlich werden auch bestimmte lautliche und lexikalische Merkmale des Niederdeutschen weiterhin in der regionalen westfälischen Umgangssprache überdauern. Der heutigen jüngeren Generation und künftigen Generationen wird vieles jedoch zumeist unverständlich sein - Relikte aus längst vergangener Zeit.
 
 
 




Von Günter Hying transkribierte Gedichte:


Dree Könninge (Heinrich Luhmann)

 

Dree Könninge keemen van wiet her.

Se söchen den höchsten Heer:

wel satt op goldenen Troon,

van dusende Stäarne de Kroon´.

 

Se tröcken völl Daage un Nächte,

de hilligen Dree un earne Knechte.

 

Verdorsten wollen in´n Wüstensand

Kameele, Aesels un Elefant.

 

Se keemen doa an in Stolt un Staot,

in Purpur, Siede, Samt, Brokaot.

Se bröchen Weeiruk, Myrrhe an un Gold,

dat was vöör denn hööchsten Könning denn Sold.

 

Wat hebbt se funn`n nao all de Möit´?

In´n Stall een Kind op Stroo un Höi,

een Össken, een Essel, Kölde un Noot!

Un Könning dütt Kind door, arm und bloot?

 

De hooge Heerns – jao un wat dann ?

Se folln up de Knee un bääden an.

Dat Kleine wodde groot, dat Groote kleein,

So ging`t de hilligen Wiesen Dree´n.

 

Platt aus der Soester Börde, aangepaßt an het Westmönsterland van Günter Hying

 

Winterdag (August Hollweg)

 

Et schneeit !

Et schneeit !

De Flocken, de fleeget,

se wipped un weeget

sick week up´n Wind.

Nu kuem doch, mien Kind,

un kiek es dat Wunder!

Dat kribbelt

un wimmelt

koppöwwer, koppunder

van´n Hemmel harunder

un mäck ut de gries-grööne, aösige Welt

een wunderweek silberhell, siedenwitt Zelt,

so as föllt doa een Droom

up Büske un Boom,

up Spieker un Schüür,

up Poarte un Müür

Un immer noch meer

wullwitte Flöckskes fallt up de Äärde.

 

Et schneeit !

Et schneeit !

 

Vannacht aber ritt,

wenn alle Welt witt,

up stewwigen Schimmel

Sünteklaas, ut`n Himmel

heraff up de Äär`

un achter em her

is gräsig und schwaott

sien Knecht up´n Patt

met Kaörwe un Pack,

met Rute un Sack.

 

Et schneeit !

Et schneeit !

 

Still, stille mien Kind!

Wat singt daor dör´n Schnee?

Wat klingt daor dör´n Wind?

Of dat Sünteklaas siene Klöckskes all sünnt?

 

 

Mönsterländer Platt, angepasst an het Westmönsterland döör Günter Hying

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